Kein großer Kurort, sondern ein kleiner Ort inmitten eines Kiefernwaldes am Rande des Woliner Nationalparks
Wisełka (bis 1945 Neuendorf) ist ein kleiner Ferien- und Badeort in der Gemeinde Wolin im Powiat Kamieński (Kreis Cammin) in der Woiwodschaft Westpommern. Administrativ unterliegt das Dorf Wisełka dem Kreis Cammin.
Von Matthias Blazek
Geographische Lage
Wisełka befindet sich an der Nordseite der Insel Wolin direkt an der zur Ostsee gehörenden Pommerschen Bucht. Es liegt zehn Kilometer östlich von Międzyzdroje. Es ist kein großer Kurort, sondern ein kleiner Ort inmitten eines Kiefernwaldes am Rande des Woliner Nationalparks.
Wolin (deutsch Wollin), die Schwesterinsel zu Usedom, ist mit 265 Quadratkilometern Fläche deutlich kleiner als ihr Nachbar. Der bekannteste Badeort ist Międzyzdroje. Weitere Ostseebäder sind Neuendorf/Wisełka und Heidebrink/Międzywodzie. In der Stadt Wolin wurde 1485 der bekannte Reformator Johannes Bugenhagen, ein Mitstreiter Luthers, geboren. [1]
Geschichte
Wisełka, gegründet im 10. Jahrhundert als Fischer- und Bauernkolonie, war später Fürstenhof und dann Privatresidenz. Vor dem Krieg hieß der Ort Neuendorf. Im Neuen topographisch-statistisch-geographischen Wörterbuch des Preußischen Staats 1822 ist der Ort wie folgt eingetragen: [2]
Neuendorf, königl. Dorf, Kreis Wollin, – Stettin, Amt Wollin, Kirchspiel Kolzow, 104 Seelen.
„Von der zunehmenden Versandung bei Misdroy und Neuendorf heißt es, sie sei schwer zu verhüten, es werde aber bei Misdroy fleißig gezäunt und bei Dievenow ein Packwerk gemacht, die Zeit werde lehren, ob mit Erfolg“, schreibt der preußische Verwaltungsbeamte und Direktor des Geheimen Staatsarchivs Georg Wilhelm von Raumer (1800–1856) 1851. [3]
1899 wurde eine Eisenbahnstrecke von Wollin/Wolin nach Misdroy/Międzyzdroje gebaut. Nun konnte auch die Eisenbahnverbindung Berlin–Ducherow–Świnoujście(Swinemünde)–Międzyzdroje für die An- und Abreise der Gäste genutzt werden. 1930 wurden allein 21.115 Badegäste im benachbarten Misdroy gezählt.
1905 zählte die Landgemeinde Neuendorf a.d. Insel Wollin 203 Einwohner. Sie gehörte inzwischen zum Standesamtsbezirk Wartow. Im Gemeindeverzeichnis des Königreichs Preußen, Provinz Pommern, Regierungsbezirk Stettin, Landkreis Usedom-Wollin, wurde Neuendorf mit 223 Einwohnern (01.12.1910) aufgeführt.
Im Zeitraum 1918 bis 1939 wurden Küstenbadegewässer gebildet. Die schöne Urlaubs- und Inselstimmung wird auf alten Urlaubsgrüßen deutlich. So schrieben beispielsweise den Eheleuten Rechnungsrat Robert Dierich in Glogau, Wilhelmstr. 10 (später in Wernigerode), die Nichten in Neuendorf am 2. August 1927: „Lieber Onkel u. Tante! Von unserer Seereise, dem schönen stillen Neuendorf, senden wir Euch recht herzliche Grüße. Bis jetzt war das Wetter wundervoll, auch haben wir nette Gesellschaft u. gute Verpflegung, also im Großen u. Ganzen ist es sehr schön! Man muß sich halt erholen. Nochmals recht herzliche Grüße von uns an Alle. Deine Nichte Liesbeth. Mit lieben Grüßen von Minna!“
1933 waren es 353, 1939 insgesamt 390 Einwohner, die in Neuendorf lebten.
Seit 1945 gehört Neuendorf zu Polen und wurde nach Vertreibung der deutschen Einwohner in Wisełka umbenannt. Die Insel Wollin gehörte nun nicht mehr zum Kreis Usedom-Wollin mit der Kreisstadt Swinemünde. Das Standesamt Kolzow (künftig Kolczewo) gab es ebenfalls fortan nicht mehr.
Im Ort stehen noch viele denkmalartige Pensionen vom Beginn des 20. Jahrhunderts, moderne Ferienanlagen und Häuser mit privaten Gästezimmern, Vergnügungs- und Gastronomiebetriebe. Die anschauliche Villa „Wisełka“, ehemals „Haus Regina“, wurde bereits 1911 gebaut.
Sehenswürdigkeiten
Die Attraktionen von Wisełka sind ein breiter, sandiger Meeresstrand, die Nähe des Woliner Nationalparks mit seinen Wander- und Fahrradtourmöglichkeiten, der See „Wisełka“ mit Sandstrand und mit Verleih von Wassersportgeräten, der nicht weit von Wisełka stehende Leuchtturm „Kikut“ sowie der nahe liegende Golfplatz Amber Baltic. Sogar in der Sommersaison kann man sich hier in der harmonischen Ruhe und Stille erholen. Der malerische, der Natur belassene Strand ist nie voll Menschen.
Wenn man hinter dem Ort links abbiegt und dem rot markierten Wanderweg in Richtung Norden folgt, erreicht man nach wenigen Kilometern „Stinas Utkiek“ (Kikut) auf dem Kiekberg (Straznia). Hier soll einst die Seeräuberbraut Stina Ausschau nach den Seeräubern gehalten haben. Stina war die kühne Gefährtin von Klaus Störtebeker (* um 1360, † am 21. Oktober 1401 vor Hamburgs Hafeneinfahrt). Wenn am Ufer eine rote Fahne wehte, wusste Störtebeker, dass keine Gefahr drohte. Dann konnten sie landen, und die besonders wertvollen Schätze wurden am Ufer beziehungsweise im nahe gelegenen Jordansee versteckt. [4]
Stinas Utkiek
(A. Haas)
An der Nordküste der Insel Wollin liegt am hohen Ufer eine Stelle, die Stinas Utkiek heißt. Diesen Namen hat die Örtlichkeit erhalten, weil ehedem Stina, die kühne Gefährtin des Seeräubers Klaus Störtebecker, von hier aus Ausschau zu halten pflegte, wenn Störtebecker von seinen Raubzügen ausruhen und besonders wertvolle Schätze verstecken wollte, segelte er hierher; aber er landete nicht eher, als bis er auf dem hohen Ufer eine rote Flagge wehen sah. Das war das Zeichen, das ihm Stina gab, zur Kunde, das keine Gefahr drohte. Dann landete Störtebecker mit seinen Genossen. Ihre Boote und ihren Raub trugen sie das Ufer hinauf und brachten alles nach dem Jordansee, der im tiefen Waldesdickicht versteckt lag. Dabei schritten sie, einer hinter dem anderen her, das Bett eines kleinen Baches entlang, der vom Jordansee abfließt und in die Ostsee mündet; dadurch wurde jede Spur ihrer Ankunft verwischt. An dem Ufer des Jordansees begann dann ein wildes, ausgelassenes Treiben: die Räuber jubilierten und schwelgten, bis sie zu neuen Taten hinaussegelten. Als Störtebecker und seine Genossen endlich vom Schicksal ereilt wurden, stand die treue Stina noch lange Jahre wartend auf dem hohen Ufer – aber Störtebecker kehrte nimmer wieder. Unermeßliche Schätze sollen am Ufer des Jordansees vergraben oder im Wasser des Sees versenkt liegen; doch weiß niemand, wie sie zu heben sind.
Quelle: Deutsche Sagen, ausgewählt von Ernst Jaedicke, Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin (1925), 272 Seiten, www.projekt.gutenberg.de
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde an dem Ort ein Orientierungs- und Aussichtsturm gebaut. Seit Januar 1962 befindet sich hier ein vollautomatischer Leuchtturm (Latarnia morska „Kikut“), dessen Lichtstrahl 16 Seemeilen weit reicht und der und seit der Inbetriebnahme mehrmals technisch und baulich modernisiert worden ist. Leider kann man ihn nicht von innen besichtigen. Dieser Aussichtspunkt aus Stahl ist zwölf Meter hoch und bietet einen wunderschönen Ausblick auf den wilden Strand.
Tourismus
Wisełka ist ein idealer Ort für die, die sich einfach ausruhen möchten, durch den Wald schlendern, um Pilze zu sammeln oder in dem See zu angeln. Der Strand ist 1,5 Kilometer nördlich vom Dorf entfernt. Der Weg dahin führt durch den Buchen- und Eichenwald bis zu einem Kiefernwäldchen an der Düne. An dem wilden schmalen Strand mit dem weichen und sauberen Sand gibt es keine Seebrücke.
Zu dem südlich des Dorfes gelegenen See „Wisełka“ gelangt man, indem man gleich hinter dem Restaurant recht abbiegt. Der See mit einer Fläche von 20 Hektar ist von Wiesen und Wald umfasst und hat sandige, leicht zugängliche Ufern. Direkt am Strand kann man Paddel- und Segelboote leihen. Vor allem wird in der Gegend Flunder, Seehecht, Aal und Zander geangelt, aber auch Hecht, Barsch, Brasse und Schleie. In Wisełka befindet sich weder ein touristische Informationszentrum noch irgendein Reisebüro; alle Informationen bekommt man am besten direkt von den Einwohnern.
Ruhe, feinkörniger weißer Sand mit dem sanften Rauschen der Wellen und frischen Fisch frisch vom Kutter – Wisełka gilt als „ein traumhafter Ort für den sonnigen Familienurlaub“. Die Gemüter sind allerdings geteilt: Einige ermüdet der einkilometerlange Weg zum Strand, andere genießen den Waldweg, die frische Luft und die Natur.
Persönlichkeiten, die im Ort gewirkt haben
Alfred Meister (1888–1914), Maler, Stettiner Künstler des frühen 20. Jahrhunderts [5]
Verkehrsanbindung
Der Ort ist über die Landstraße Nr. 102 von Dziwnów oder Międzyzdroje erreichbar. Wisełka besitzt Busverbindungen nach Misdroy/Międzyzdroje, Swinemünde/Świnoujście, Dziwnow, Niechorze, Pobierowo, Rewal, Trzebiatow; Kamień Pomorski und Wolin. Die Haltestelle befindet sich an der Hauptstraße gegenüber dem Artikelladen. Die nächste Tankstelle (rund um die Uhr geöffnet) befindet sich ungefähr zehn Kilometer westlich von Wisełka, in dem bekannten Ort Międzyzdroje (mit einer der längsten Molen), bei der Ausfahrt nach Stettin.
Anmerkungen
[1] Die Insel Wollin.
[2] Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des Preußischen Staats, unter Aufsicht des Herrn Dr. Leopold Krug, Halle 1822, S. 268.
[3] von Raumer, Georg Wilhelm, Die Insel Wollin und das Seebad Misdroy, historische Skizze, Berlin 1851, S. 291.
[4] Ausführlich: Blazek, Matthias, Seeräuberei, Mord und Sühne – Eine 700-jährige Geschichte der Todesstrafe in Hamburg 1292–1949, ibidem: Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8382-0457-4, S. 45.
[5] www.kulturallee-virtuell.de.
Literatur
Johannes Hinz: Pommern – Wegweiser durch ein unvergessenes Land, Augsburg 1996
Heiko Wartenberg: Archivführer zur Geschichte Pommerns bis 1945, Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg 2008, S. 85
Martin Zamorski und Wolfgang Abraham: Insel Wollin und Umgebung – Wandern und Radfahren, Rajd Verlag, Warschau 2010
Weblinks
Die Ostseeinsel Wollin
„Unser Schulhaus am Abhang des Leo-Berges“
Kreisarchiv Nordfriesland: Findbuch des Bestandes Patenschaftsarchiv Kreis Usedom-Wollin, erstellt 2006
Kirchspiele und ihre Gemeindeorte auf der Insel Wollin (bis 1945)







